Hoch zu Ross - auf dem Drahtesel
Gerade noch Raufbold im Wilden Westen und plötzlich "unter einem Eichenbaum im Grase" im England des 6. Jahrhunderts: Das ist die einfache und doch so brillante Ausgangsidee für Mark Twains "Ein Yankee aus Connecticut an König Artus´ Hof". Gesellschaftskritik, Satire, Science-Fiction, Ritterepos - Twains Roman ist alles in einem und gerade zu Beginn eine fesselnde Geschichte aus zwei Welten. Kaum hat Sir Kay, Ritter der Tafelrunde, den Zeitreisenden Hank entdeckt geht alles ganz schnell - Festnahme, Todesurteil, Rettung durch die vermeintliche Vorhersage einer Sonnenfinsternis und schon bald ist Hank mit seinem Wissen aus dem 19. Jahrhundert der bewunderte "Sir Boss", die rechte Hand des Königs.
Ritter der Seifenlauge, Helden des singenden Drahts
Doch die Wunder aus der Zukunft sind nicht immer ein Segen. Zwar gründet unser Yankee-Held Schulen, lässt Brunnen wieder fließen, baut Telegraphenleitungen, aber Dynamit und Pistolen haben eine weniger segensreiche Wirkung. Kurzum: Der Yankee stellt das 6. Jahrhundert auf den Kopf, macht Geld mit Seifenwerbung auf Ritterrüstungen und treibt Merlin im verbissenen Wettstreit in den Zaubererwahnsinn. Das ist stellenweise noch immer witzig zu lesen, wenn Fräulein Sandy dem Helden in endlosen Monologen das Mittelalter erklärt oder es unter der schweren Rüstung ausdauernd juckt. Vor allem Hanks Bildungsreise mit König Artus, ganz inkognito und verschwiegen, ist ein starker Teil des Romans - wie einem König das Königliche austreiben, um unentdeckt zu bleiben, ihn aber gleichzeitig empfindsam machen für Elend und Hunger in seinem Reich? Hier stößt der amerikanische Ur-Demokrat auf die Rituale und Hierarchien des Mittelalters und verzweifelt daran. Gleichwohl erkennt er auch die noble Gesinnung des Königs, seine reine Naivität und Hingabe für Land und Leute. Doch das Versteckspiel geht böse aus: die beiden geraten in die Hand eines Sklaventreibers und werden in letzter Minute von den Rittern der Tafelrunde befreit - glücklich beschleunigt durch ihre soeben "erfundenen" Fahrräder!
Bei den Buchnomaden hinterließ der amerikanische Großmeister gemischte Lesegefühle: Ein Buchnomade fand das sei "geschwätziger Klamauk", ein anderer hielt den ironisch distanzierten Ton für ein Problem: "Dadurch hat man leider auch Distanz zu den Figuren". "Das Hank sich für den geilsten hält" sei durchweg witzig und die Spannung zwischen den Epochen der Treiber für die gelungene Handlung.
Unentschieden war dann auch die Quintessenz des Abends: Wo der Humor zündete wurde man vom "Yankee" gut und amüsant unterhalten, sprang der Funke nicht über konnte auch die Geschichte nicht helfen, trotz sprachlicher Meisterschaft hieß es: anstrengend und unentschieden zwischen missionarischem Pathos und lahmen Slapstick.



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