Tourette im Zen-Zentrum

Das einige Buchnomaden Jonathan Lethems "Motherless Brooklyn" nur bis Seite 270 durchgehalten hatten war ein schlechtes Zeichen. Da hatten doch tatsächlich die Lesefreunde ein Werk vorzeitig vom Nachttisch geräumt, das laut Klappentext der "Zeit" eine geniale Mischung aus Spannung, Intelligenz und Kunstfertigkeit sei. 
Das sah man im Lager der Nomaden dann doch ganz anders. Eine Buchnomadin war der Meinung der Autor "habe sich verlaufen", da sei manches witzig und originell, aber am Ende dann doch nicht durchzuhalten, es fehle an Farbe und Atmosphäre, das habe man gestern gelesen und heute schon vieles wieder vergessen. 

Vermutlich war die Enttäuschung dann doch so groß, weil die Grundidee alle überzeugte: Die Geschichte eines Waisenjungen mit Tourette-Syndrom, der zum Gangster wird, als Teil der "Minna-Men" durch Brooklyn streift und den Mörder von Frank Minna sucht. Dieser Frank Minna, Boss und Mentor des Ich-Erzählers Lionel, stirbt schon auf Seite 48, was dann folgt sind Rückblicke auf die Geschichte der "Minna-Men" und die Suche nach dem Mörder. Die Sprachkraft und der virtuose Wahnsinn der Lionels Tourette entspringt ist die große Stärke des Romans. Die Wortspiele, die überlagernden Sprachkaskaden, um die sich anschleichenden Ticks zu überlisten, die Fixierung auf Zahlen, die Berührungszwänge - das hat alles Tempo und Witz. Die inneren Monologe Lionels unterstützen diese Passagen kunstvoll und selbstironisch. 

Der Kriminalfall wiederum ist verworren und ohne Spannung, Szenerie und Figuren bleiben farblos. Der Leser bleibt dran wegen Lionel und seiner Odyssee durch Brooklyn, seinen Ticks im stillen Zen-Zentrum und den Versuch, eine Horde blasierter Portiers in der Park-Avenue zu überlisten. Aber ein paar gute Witze, originelle Szenen und ein ursympathische Hauptfigur waren dann doch zu wenig für einen wirklich guten Roman. 

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